9. Juni 2018

Das Beste, was mir einfällt

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, warum Menschen in einer bestimmten Situation genau das tun, was sie tun? 
Oder auch warum Sie genau das machen, was Sie machen? Jetzt zum Beispiel?

Die Antwort ist einfach: 
Alle Menschen - also auch Sie! - tun und machen in jedem Moment des Lebens genau das, was sie tun und machen, weil das das Beste ist, was ihnen in der jeweiligen Situation einfällt. 
Würde den Menschen etwas Besseres einfallen, würden sie das tun. 
Was auch immer Sie also gerade tun, es ist das Beste was Ihnen gerade einfällt. Würde Ihnen etwas Besseres einfallen, würden Sie das tun, oder?

Jetzt sagen Sie vielleicht: Bei diesem schönen Wetter fällt mir schon ein, wie viel besser es wäre, an den Badesee zu fahren und mir einen schönen Tag zu machen, anstatt zur Arbeit zu gehen. Trotzdem gehe ich zur Arbeit.

Und warum tun Sie das? 
Weil das tatsächlich die bessere Idee, oder die im Moment beste Idee für Sie ist: Es vermeidet anstrengende Gespräche mit Ihrem Chef, erhält Ihnen den Arbeitsplatz, sichert Ihnen Ihr Einkommen, gibt Ihnen das gute Gefühl, zuverlässig und diszipliniert zu sein. Oder?

Vielleicht haben Sie sich schon einmal im Nachhinein dabei ertappt, dass Sie Ihrem Kind eine unsinnige Strafe aufgebrummt haben. "Das war dann doch nicht das Beste, was mir einfällt?!", werden Sie nun vielleicht fragen. - Doch, es war das Beste, was Ihnen in Ihrem Ärger in dieser Situation und auf die Schnelle einfiel. Sonst hätten Sie das mit Sicherheit nicht gemacht. Und da wird ein wichtiger Punkt deutlich:

Manchmal braucht man ein bisschen Zeit, Ruhe und Abstand zu einer Sache, um tatsächlich eine gute Idee für sein Handeln zu bekommen.

Es gibt aber auch Situationen, da reagiert man und fragt sich anschließend, warum man überhaupt so oder vielleicht sogar schon wieder so reagiert hat, wo man doch eigentlich weiß, dass das keine gute Idee ist, weil es nichts bringt außer weitere Schwierigkeiten. Warum werde ich immer so laut und angreifend, wenn ich mich über eine Sache ärgere? Warum habe ich mich so stur gestellt, statt vernünftigerweise einmal nachzugeben?

Das sind häufig Situationen, in denen wir gar nicht bewusst entscheiden, was wir tun. Hier entscheidet vielmehr unser autonomes Nervensystem auf der Grundlage, wie es die momentane Situation erlebt und  einschätzt, und der gespeicherten Lebenserfahrungen. 
Ich werde laut, weil ich mich bedroht fühle, mich verteidigen muss und die Erfahrung bei mir abgespeichert ist, dass Brüllen den anderen einschüchtert. Oder ich stelle mich stur, weil ich mich bedroht fühle, nicht weiter weiß und die Erfahrung abgespeichert ist, dass mir dann erst einmal nichts Gefährliches passieren kann; vielleicht geht die Bedrohung dann auch einfach vorüber. Unserem Nervensystem fällt spontan nichts besseres ein und deswegen lässt es uns so reagieren, wie wir reagieren. Erst zu einem späteren Zeitpunkt schaltet sich unser Bewusstsein dazu und ist irritiert.

Das gilt genauso für unsere Mitmenschen. Auch sie tun in jedem Moment das Beste, was ihnen einfällt. Warum werden manche Menschen in schwierigen Gespräch so schnell laut, brüllen und schreien, verletzen den anderen mit Worten und demütigen ihn. Warum schlagen manche Eltern ihre Kinder? Warum mobben Menschen ihre Arbeitskollegen im Betrieb oder andere in sozialen Netzwerken? Fällt denen wirklich nichts Besseres ein? Tatsächlich: Nein! Denn fiele ihnen etwas Besseres ein, würden sie das tun. Bestimmt! Niemand handelt für sich nur in zweitbester Weise. Niemand entscheidet sich für die schlechtere Lösung, wenn er eigentlich eine bessere weiß.

Das gleiche gilt auch für Kinder. Ein Junge, der ein anderes Kind haut, wenn die beiden in Streit geraten, hat schlicht und und einfach keine andere und in der Betrachtung der Erwachsenen bessere Idee, was er tun könnte, um mit seinem Ärger, mit seiner Frustration umzugehen. Ein Mädchen, das anderen Kindern Unwahrheiten über ihre ehemalige Freundin erzählt, um sie in ein schlechtes Licht zu rücken, hat keine bessere Idee, wie sie ihren Kummer über den Verlust der Freundschaft verarbeiten kann. Beiden fehlen die guten Ideen in für sie schwierigen Situationen.

Mit dieser Sichtweise auf das menschliche Verhalten, will ich kein Verhalten entschuldigen. Wer geschlagen wird, leidet. Über wen Unwahrheiten erzählt werden, leidet. Wer angebrüllt, gedemütigt oder gemobbt wird, leidet. Das ist wirklich nicht gut und es sollte nicht dazu kommen. Doch wenn wir genau hinschauen, können wir erkennen, dass die Verursacher des Leids selber auch leiden und keine bessere Idee haben, wie sie mit ihrem Leid, dem Ärger, der Wut, dem Kummer gut umgehen können als so, wie sie das aktuell tun.

Damit sich für diese Kinder etwas ändern kann, müssen Eltern und pädagogisches Personal zunächst einmal erkennen, in welcher Situation Kinder mit schwierigem Verhalten stecken. Sie müssen ihren Kummer und ihr Leid erkennen und ihre Hilflosigkeit, damit umzugehen. Und sie können ihnen dann neue, friedvollere Wege und Handlungsweisen zeigen, wie sie damit umgehen können.

Statt Schuldzuweisungen und Verurteilungen, durch die nur der Widerstand des Kindes provoziert wird und das Kind dann für neue Ideen nicht erreichbar ist, geht es darum, das Kind in seiner Situation ernst zu nehmen und für die Konsequenzen seines Handelns zu sensibilisieren. 

Ich sehe deinen Ärger, deinen Kummer, der durch das andere Kind oder durch die Situation ausgelöst wurde. Ich bin bei dir und möchte dich gerne unterstützen, eine Idee für dich zu finden, wie du damit so umgehen kannst, dass du und die anderen zufrieden sind.

Hier helfen keine Standardlösungen oder allgemeine Regeln, hier helfen nur ein gemeinsames Regulieren der starken Emotionen und ein Ausprobieren neuer, individueller Handlungsideen. Und das braucht Zeit. Wir dürfen auch nicht erwartet, dass neues Handeln gleich zur Gewohnheit wird und altvertraute Handlungsmuster ablöst. Verhaltensweisen, die unser Autonomes Nervensystem anschiebt, haben häufig eine starke Gewohnheitsenergie, die sich nur durch Beharrlichkeit ändern lässt.

Wir können aber nicht nur mit unseren Kindern nach bessere Ideen suchen; wir können auch unsere eigenen Gewohnheitsenergie überprüfen. 
Wie handle ich, wenn ich mich ärgere, mich bedrängt oder verletzt fühle? Bin ich  damit zufrieden? Was mache ich, wenn jemand unfreundlich zu mir ist? Unterstützt mein Handeln ein friedliches Miteinander? Oder lässt mein Handeln die Situation eskalieren? Was mache ich, um in solchen Situationen meine starken Emotionen zu regulieren, damit ich wieder zur Ruhe komme? Wie reguliere ich mich, wenn ich in Stress komme? 

Ein hilfreiches Werkzeug auf diesem Weg kann das Praktizieren von Achtsamkeit sein, das ruhige, vorurteilsfreie Hinschauen auf uns selbst, auf unsere körperlichen und mentalen Prozesse. Achtsamkeit ermöglicht das Anhalten von Gewohnheiten und das Entdecken neuer Pfade. Mit Achtsamkeit kommt man auf neue Ideen für sein Handeln, die man aber immer wieder beharrlich ausprobieren muss, damit sich wirklich etwas verändert.

Achtsamkeit ist etwas, was die meisten Menschen nicht gelernt haben. Deswegen ist es gut, wenn man sich für diesen Lernprozess Unterstützung holt. Dies können zum Beispiel Gruppen sein, die gemeinsam Achtsamkeit in Form von Yoga oder Meditation praktizieren. Dies können aber auch professionelle Coaches oder Therapeuten sein. Das Schöne ist, dass man in der Partnerschaft, der Familie oder im Freundeskreis Achtsamkeit gemeinsam üben und praktizieren kann. Und irgendwann werden Sie feststellen, dass sie jetzt auch in schwierigen Situationen etwas anders machen als früher, weil das jetzt das Beste ist, was Ihnen nun einfällt.

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