Sicherheit und soziale Interaktion


Vielleicht gibt es nichts Schöneres, als Momente, in denen wir mit anderen Menschen freundlich, offen, entspannt und doch angeregt in Kontakt sind, einander gegenseitig sehen und ernst nehmen und persönlich wachsen können. Doch je nachdem sind diese Momente rar.

Warum ist das so?
Warum sind Menschen in Begegnungen mit Mitmenschen, egal ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum, zuweilen unfreundlich, abweisend, unzugänglich oder aggressiv? 
Wieso spielen Kinder im Kindergarten, auf dem Spielplatz oder mit den eigenen Geschwistern zu Hause manchmal nicht „einfach nur schön“ miteinander, sondern schubsen, schreien und schlagen?
Warum fangen Menschen in Alltagssituationen an, sich gegenseitig mit Worten oder Taten anzugreifen und zu verletzen? 
Wie kommt es, dass in Diskussionen keiner mehr dem anderen zuhört? 
Warum hagelt es in manchen Gesprächen nur noch Vorwürfe, Kritik, Drohungen und Anschuldigungen?
Warum vermeiden einige Menschen nach Möglichkeit jede Begegnung mit anderen Menschen?
Warum gehen erwachsene Menschen Gespräche mit Vorgesetzten und Kinder Gesprächen mit ihren Eltern aus dem Weg?
Warum werden Menschen manchmal in Gesprächen reglos, reagieren nicht mehr und tauchen irgendwie in ihrem Innersten ab?
Warum wenden sich Kinder mit gesenkten starren Blick ab, wenn sie von ihren Eltern oder auch Lehrern massiv gescholten werden?
Wie kommt es dazu, dass Lebenspartner nach einem Streit manchmal tagelang nicht mehr miteinander sprechen?

Wie der Mensch sich verhält, hängt entscheidend davon ab, ob er sich da, wo er ist, in der kleinen oder großen Welt, die ihn umgibt, in Situationen, die sich ergeben, mit Menschen, die ihm begegnen, und mit Aufgaben, die sich ihm stellen, spontan sicher oder unsicher fühlt.

In einer fremden Gesellschaft oder Kultur fühle ich mich vielleicht ein wenig unsicher, weil ich nicht verstehe, was um mich herum nach welchen Regeln geschieht. Habe ich durch ein Missgeschick den Anschluss an meine Reisegruppe verloren und die Dämmerung bricht herein, verspüre ich eventuell Angst. Wenn mir dann noch schreiende, wild gestikulierende dunkle Gestalten entgegenkommen, entsteht langsam Panik in mir. Und wenn die mich dann bedrängen und irgendetwas von mir wollen, was ich nicht verstehe, erstarre ich vor Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Diese Gefühle der Unsicherheit, Angst, Panik und Verzweiflung entstehen nicht auf der Ebene des Bewusstseins. Es sind keine Entscheidungen, die ich treffe, sondern Reaktionen meines autonomen Nervensystems auf das, was es wahrnimmt.

Der US-amerikanische Neurowissenschaftler und Professor für Psychiatrie Dr. Stephen Porges erklärt im Rahmen der von ihm entwickelten Polyvagal-Theorie, was dabei geschieht:



Unser Nervensystem registriert über die Sinnesorgane zu jedem Zeitpunkt, ob wir uns in einem sicheren, gefährlichen oder lebensbedrohlichen Kontext befinden. Porges nennt dieses System der nichtbewussten Wahrnehmung „Neurozeption“. Es ist entscheidend für unser Überleben und deshalb reagiert unser autonomes Nervensystem blitzschnell auf diese neurozeptive, nicht-bewusste Wahrnehmung und Einschätzung, indem es den Körper über das sympathische, aktivierende oder parasympathische, beruhigende Nervensystem entsprechend ausrichtet. Was bedeutet das?

Wird der Kontext als bedrohlich wahrgenommen und damit das Überleben als gefährdet erlebt, werden durch das autonome Nervensystem im Körper automatisch Verteidigungsmaßnahmen eingeleitet. Über das sympathische Nervensystem werden Atmung und Herzschlag hochgefahren, damit mehr Sauerstoff in die Muskeln gelangt, die auf diese Weise für Aktivität vorbereitet werden. Gleichzeitig werden Verdauungsprozesse runtergefahren, weil die für sie notwendige Energie nun an anderer Stelle gebraucht wird. Unsere Sinnesorgane werden auf Gefahrenwahrnehmung ausgerichtet: Der Blick wird starr und das Hören auf tiefe Gefahren- oder hohe Alarmfrequenzen ausgerichtet. Kehlkopf und Rachen werden für Brüllen und Kreischen, die Muskulatur des Kiefers für einen möglichen Einsatz aktiviert. Damit sind wir für die Verteidigung, den Angriff oder die Flucht gut vorbereitet. Und dies alles passiert blitzschnell und ohne eine bewusste Entscheidung. Diesen körperlichen Zustand nehmen wir je nach Intensität als Stress, Angst oder Panik wahr.

Die Kehrseite davon ist, dass wir in einem solchen Zustand nicht wirklich gut sozial interagieren können: Unsere Möglichkeit, menschliche Stimmen wahrzunehmen, rückt in den Hintergrund; wir erkennen nicht mehr die freundlichen sozialen Signale im Gesicht des Anderen, unser gesamter Ausdruck wird feindlich und abschreckend und unsere Bewegungen werden einschüchternd, was beim Gegenüber als Reaktion mehr und mehr Unsicherheit und reaktive Verteidigungsmaßnahmen auslöst.

Gelangt unser Nervensystem jedoch über die Neurozeption zu einer Einschätzung von Sicherheit, wird über den ventralen Zweig des Vagusnerv, der Teil des parasympathischen Nervensystems ist, unser Körper automatisch grundsätzlich anders eingestellt: Atmung und Herzschlag werden heruntergefahren, die Muskeln kommen in einen angenehmen Ruhetonus und die Verdauung wird aktiviert. Unser Gesichtsausdruck wird sanft, unsere Stimme angenehm und melodisch. Und das Hören wird über die autonome Regulierung der Muskulatur im Mittelohr auf das Wahrnehmen der für die menschliche Stimme wichtigen Frequenzen ausgerichtet. Dieser physiologische Zustand der körperlichen und geistigen Ruhe und Entspannung ermöglicht uns zum einen Regeneration und Erholung und damit Gesundheit und Wachstum, zum anderen können wir in eine angenehme soziale Interaktion eintreten, die für uns Menschen für unser Wohlbefinden absolut notwendig ist, da wir ein soziales Lebewesen sind.

Neben diesem ruhig entspannten und dem zuvor beschrieben aktivierten Zustand gibt es noch einen dritten physiologischen Zustand, der über den dorsalen Zweig des Vagus herbeigeführt wird: Wenn zu der wahrgenommenen Gefahr noch das Gefühl der Hilflosigkeit oder Überforderung hinzukommt, wenn also Kampf und Flucht keinen Sinn mehr zu machen scheinen, dann bleibt nur die Möglichkeit, sich unsichtbar zu machen oder sich tot zu stellen. Dazu werden Herz- und Lungentätigkeit sowie der Muskeltonus auf ein Minimum herunter gefahren. Der Mensch erscheint blass, schlaf und gleichzeitig bewegungsunfähig und hofft damit für den Angreifer uninteressant zu werden. Tatsächlich ist es, wenn dann die akute Gefahr vorüber ist, für den Menschen in diesem Zustand nicht leicht, wieder in die Aktion zu kommen - auch weil die Kampf- und Fluchtenergie weiterhin im Körper steckt und nach einer Möglichkeit der Entladung sucht. Unter der Starre lauert die Wut, die Panik und die explosive Aggression.

Soziale Interaktion, Kampf und Flucht sowie Verhaltensstarre und Shutdown sind also drei in uns angelegte Verhaltensweisen, die auf der Grundlage der neurozeptiven Wahrnehmung und Einschätzung des Hier und Jetzt autonom und unabhängig von unserem Bewusstsein auf körperlicher Ebene eingeleitet werden. Und einmal eingeleitet drängen sie nach Realisierung.

Diese drei Verhaltensweisen sind prinzipiell sinnvoll, weil sie unser Überleben sichern: Sie unterstützen einerseits unser Bedürfnis nach Verbundenheit und Gemeinschaft durch die Möglichkeit zur sozialen Interaktion. Andererseits helfen sie, Gefahren und Lebensbedrohungen effektiv entgegenzutreten. Problematisch wird das Ganze jedoch dann, wenn es zu einer falschen neurozeptiven Wahrnehmung und entsprechender Einschätzung kommt, wenn also in einem ungefährlichen Hier und Jetzt Gefahr oder sogar Lebensbedrohung erkannt und entsprechend mit Kampf, Flucht oder Shutdown reagiert wird. Aber wie kann es dazu kommen?

Erlebnisse der erfolgreiche Abwehr von Gefahr und Bedrohung werden in unserem Gedächtnis gespeichert und sind dann leicht abrufbar. Dies ist sinnvoll, da Gefahren und Bedrohungen immer wieder auftauchen werden und es von daher gut ist, wenn bereits erfolgreiche Strategien zur Abwehr bekannt sind. Wenn nun sehr viele solcher Erlebnisse in unserem Gehirn abgespeichert sind, weil das bisherige Leben tatsächlich reich an bedrohlichen Umständen war (z.B. Vernachlässigung, Misshandlungen, Missbrauch, Terror) und diese Erlebnisse nicht zu einem Abschluss mit dem Gefühl des Triumphes über den Angreifer gebracht werden konnten (wir sprechen hier von einem Trauma), dann wird es im Hier und Jetzt immer wieder Auslöser für Erinnerungen an solche Erlebnisse im Dort und Damals geben, die sich mit dem Hier und Jetzt vermischen. Solche Auslöser können in der Umwelt, der Situation, der Erscheinungsweise eines Menschen oder einer Aufgabe, die sich uns stellt, liegen. Das Hier und Jetzt erscheint als gefährlich oder bedrohlich und unser autonomes Nervensystem löst automatisch Defensivhandlungen aus.

In ähnlich Weise können solche Fehleinschätzungen auch durch eigene körperlicher Empfindungen ausgelöst werden, indem sie traumatische Erinnerungen triggern. 

Wir Menschen habe die Möglichkeit mit Achtsamkeit im Hier und Jetzt zu erkennen, was unser autonomes Nervensystem vorhat. Wir können unseren Körper beobachten und besser kennen lernen. Und wenn wir erkennen, was in uns geschieht, können wir entscheiden, ob wir dem folgen wollen oder nicht, ob und in welchem Maße wir kämpfen, flüchten oder erstarren wollen. Wir können lernen, uns selbst zu regulieren. (Selbstregulation: Wieder zur Ruhe kommen) Und wir haben darüber hinaus auch die Möglichkeit zu erkennen, ob Gefahr und Lebensbedrohung tatsächlich im Hier und Jetzt begründet sind oder durch getriggerte Erinnerungen an ein Dort und Damals uns nur so erscheinen. Traumatische Erfahrungen können aufgelöst werden, indem die Niederlage, die ihnen zu Grunde liegt, neu verhandelt und Schritt für Schritt durch ein Gefühl des Triumphes im Hier und Jetzt überschrieben wird.

Sicherheit ist nicht wir etwas, was wir für uns selber brauchen, sondern auch etwas, was wir unseren Kindern schenken können. Je mehr es uns gelingt, unsere Kinder in einem für sie erlebbaren Gefühl der Sicherheit aufwachsen zu lassen, je besser wir sie durch Koregulation in ihrer Selbstregulation unterstützen, desto geborgener und entspannter werden sich unsere Kinder im Hier und Jetzt fühlen können, desto besser werden sie sich entwickeln und lernen und desto gesünder - mental und auch körperlich - werden sie als Erwachsene sein.

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