Wie gut kann mein Kind sozial interagieren?



Wir Menschen haben die angeborene Fähigkeit, mit anderen Menschen sozial zu interagieren. Ohne diese Fähigkeit und auf uns allein gestellt wären wir nicht wirklich überlebensfähig. Mittels sozialer Interaktion erhalten wir sowohl materielle als auch emotionale Nahrung, Unterstützung und Zuwendung, die wir für unser Wachstum, unsere Entwicklung, unser Lernen und unsere körperliche und geistige Gesundheit brauchen. Gelingende soziale Interaktion ist daher absolut überlebensnotwendig für uns Menschen. Dies gilt insbesondere auch für unsere Kinder.

Die Fähigkeit zur sozialen Interaktion basiert auf grundsätzlich möglichen Einstellungen unseres Körpers: Unser Gesichtsausdruck, unsere Kopfhaltung, die Bewegung unserer Arme und Hände sowie der Ausdruck unserer Stimme können freundlich, zugewandt und einladend sein, unser Mittelohr kann auf das Wahrnehmen der menschlichen Stimme ausgerichtet sein und unser Handeln kann sich in spiegelnder Weise auf das soziale Handeln des Anderen beziehen. Gekoppelt sind diese Einstellungen mit einem ruhigen Atmen, Herzschlag und Muskeltonus. Unser Körper befindet sich dann physiologisch betrachtet im Modus sozialer Interaktion.

Damit diese physiologische Fähigkeit zur sozialen Interaktion tatsächlich zum Einsatz kommen kann, müssen wir uns sicher fühlen - und zwar auf der unbewussten Wahrnehmungsebene des autonomen Nervensystems. Das heißt: Unser Nervensystem nimmt wahr, ob die Situation sicher ist, ohne dass dies eine bewusste Wahrnehmung und Entscheidung ist. Und wenn es zu diesem autonomen Erleben von Sicherheit kommt - insbesondere, weil unser Gegenüber nicht gefährlich oder bedrohlich wirkt - aktiviert unser autonomes Nervensystem den Vagusnervs, der für die oben beschriebenen Einstellungen unseres Körpers sorgt. Im Ergebnis sind damit alle wichtigen Voraussetzungen für gelingende soziale Interaktion gegeben. Dies wirkt sich nicht nur für uns selbst aus, sondern auch für unser Gegenüber, das sich in unserer ruhigen, freundlichen und offenen Gegenwart sicher fühlen kann. Sicherheit und soziale Interaktion bilden also einen positiven Feedback-Kreislauf.

Nimmt unser Nervensystem eine Situation oder Begegnung hingegen als gefährlich oder bedrohlich war, werden über den sympathischen Zweig des autonomen Nervensystems die defensiven Handlungsmuster Flucht oder Kampf und über den dorsalen Zweig des Vagus eine defensive Verhaltensstarre aktiviert. Ist unser Körper in dieser Weise aktiviert, kann eine soziale Interaktion nicht mehr wirklich gelingen. Diesen Zusammenhang hat der US-amerikanische Neurowissenschaftler und Psychiater Dr. Stephen Porges in der von ihm entwickelten Polyvagal-Theorie beschrieben. Ausführlicher habe ich das in dem Blog-Beitrag „Sicherheit und soziale Interaktion“ erläutert.

Soziale Interaktion kann also nur gelingen, wenn sich unser Körper aufgrund von im aktuellen Moment erlebter Sicherheit im Modus der sozialen Interaktion befindet. Andernfalls kann soziale Interaktion nicht funktionieren.

Wenn die soziale Interaktion mit Menschen in unserem Umfeld schwierig oder sogar immer wieder schwierig ist, dann können wir uns anschauen und überlegen, in welchem physiologischen Modus wir selber sind oder auch in welchem Modus unser Gegenüber ist. Dies gilt insbesondere für die Interaktion mit unseren Kindern. Wenn Kinder nicht im physiologischen Modus sozialer Interaktion sind, kann soziale Interaktion auch nicht gelingen. Problematisch wird dies, wenn die Interaktion immer wieder schwierig ist, wenn Kinder anhaltend im physiologischen Defensiv-Modus sind.

Mit der am Ende verlinkten Checkliste „Wie gut kann mein Kind sozial interagieren?“ möchte ich Ihnen eine Möglichkeit an die Hand geben, informell für sich zu überprüfen, ob Ihr Kind in der Lage ist, mit Ihnen und anderen wichtigen Bezugspersonen sozial gut zu interagieren. Das sollte es nämlich sein, damit es sich körperlich und mental gut entwickeln kann!

Es gibt keine standardisierte Auswertung der Checkliste oder eine Punktzahl, die es zu erreichen gilt. Es geht bei der Einschätzung vielmehr um Ihr eigenes gesundes, aufrichtiges Bauchgefühl. Ihre Zufriedenheit mit der Entwicklung Ihres Kindes ist ein wichtiger Maßstab. Dabei berücksichtigen Sie einerseits das Alter und die individuelle Entwicklung Ihres Kindes und andererseits Ihre Einschätzung für Angemessenheit.

Viele Kreuze bei JA bedeuten, dass Sie und Ihr Kind die gemeinsame Interaktion in der Regel als mehr oder weniger angenehm erleben werden; viele Kreuze bei NEIN sind ein Hinweis darauf, dass Sie die Interaktion häufig als anstrengend und schwierig erleben werden. Viele NEINs lassen aber auch vermuten, dass es für Ihr Kind schwierig ist, mit Ihnen in sozialer Interaktion zu sein, dass es sich eher im physiologischen Defensiv-Modus befindet - in diesem Moment oder sogar immer wieder. Und das wäre auf Dauer nicht gesund! 

In dem Fall sollten Sie überlegen, sich Rat bei einem Pädagogen oder Therapeuten zu holen, damit Ihr Kind eine Chance bekommt, in der Interaktion mit Ihnen wieder größere Sicherheit erleben und dadurch besser sozial interagieren zu können. 

Stephen Porges hat dafür auf der Grundlage der Polyvagal-Theorie und langjähriger intensiver Forschung ein therapeutisches Verfahren - das „Safe and Sound Protocol“ -  entwickelt, das Kindern und Erwachsenen, die häufig im Defensiv-Modus sind, helfen kann, physiologisch wieder besser in den Modus sozialer Interaktion zu kommen. Was dies ist und wie das funktioniert, habe ich in dem Blog-Beitrag „Sicher und gesund - Das Safe and Sound Protocol“ beschrieben. Damit dieses Verfahren seine volle Wirkung entfalten kann, ist es bei Kindern wichtig, dass die Eltern begleitend erfahren, wie sie dem nach Sicherheit suchenden autonomen Nervensystem des Kindes durch ihr eigenes Handeln das Erleben von Sicherheit ermöglichen können. Denn nur dann kommt es zu dem positiven Feedback-Kreislauf von Sicherheit und sozialer Interaktion.

Wenn Sie übrigens das ein oder andere Mal WEISS NICHT angekreuzt haben, dann nehmen Sie dies einfach als Hinweis dafür, an welcher Stelle Sie Ihr Kind in nächster Zeit ein wenig mehr in der Interaktion beobachten können, um es auf diesem Weg ein wenig besser kennen zu lernen.


Die Checkliste „Wie gut kann mein Kind sozial interagieren?" finden Sie als pdf-Datei hier.

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