Ich, Du und die Welt - Wie wahr ist unsere Wahrnehmung?


Wir alle nehmen die Welt, den anderen und uns selbst durch die Filter unserer Wahrnehmung wahr. Sie erfolgt über unsere Sinnesorgane, wie zum Beispiel das Ohr, das wie alle Sinnesorgane physiologisch begrenzt ist. Wir können nur Töne und Geräusche in einem begrenzten Frequenzbereich hören, der im Alter auch noch im Hochtonbereich stark abnimmt, was dazu führt, dass Musik für uns dann nicht mehr so brillant klingt. 
Zum anderen ist die Wahrnehmung durch unsere Hörgewohnheit geprägt: Unterschiede bei Sprachlauten anderer Sprache hören wir gar nicht, weil wir in den ersten Jahren unseres Lebens nicht gelernt haben, auf diese Unterschiede zu achten.
Und Wahrnehmung wird durch unseren psychischen Zustand verändert: Wenn wir uns bedroht fühlen, hören wir nicht, was der andere sagt, sondern vor allen Dingen wie er es sagt und werden vielleicht wütend.

Diese Wahrnehmungsfilter helfen uns zwar, die manchmal konfuse und unvorhersehbare Welt einfacher wahrzunehmen und geben uns Sicherheit. Anderseits schränken uns diese Filter auch ein: Sie führen dazu, dass wir zum Beispiel Fledermäuse nicht hören können (nicht so schlimm!), dass wir manche Sprachen nur mit großer Mühe lernen können (manchmal zum Verzweifeln) und dass wir bei manchen Menschen den „Ton“, in dem sie etwas sagen, mehr wahrnehmen als das, was sie sagen. Und das kann zu großem Ärger und großer Wut, zu aggressivem und abwehrenden Verhalten in uns führen oder zu Flucht und Angriff.

Problematisch kann es werden, wenn sich bestimmte mentale Filter aufgrund unserer Lebensumstände durch ständige Aktivierung verstärken und uns mehr und mehr den Eindruck vermitteln, dass 
  • einerseits das, was wir durch sie wahrnehmen, die Wirklichkeit ist („Diese Welt ist ein gefährlicher Ort. Diese Menschen sind bedrohlich.“) und
  • wir andererseits so sind, wie wir ständig reagieren („Ich bin ein wütender Mensch, der sich immer gegen alle möglichen Bedrohungen wehren muss.“).
Das führt zur Einengung und Stagnation unseres Selbst.

Wenn wir dann noch zu früh im Leben, zu lange und zu oft uns verteidigen und Gefahren abwehren mussten, weil wir uns nicht sicher fühlen konnten - egal ob dies tatsächlich so war oder wir nur den Eindruck hatten - dann hat unser Körper nicht ausreichend gelernt, sich zu entspannen und offen und neugierig für die Welt und unsere Mitmenschen zu sein. Wir bleiben in Daueranspannung, Dauerstress und Dauergereiztheit stecken. Unser Nervensystem kann nicht mehr richtig auf Ruhe und Entspannung umschalten: Unser sympathisches Nervensystem dominiert uns und das parasympathische Nervensystem mit dem Vagusnerv kommt nicht zum Einsatz. Im Modus der Verteidigung, des Angriffs und der Flucht sind wir von den nährenden menschlichen Kontakten abgeschnitten und das macht uns auf Dauer krank: körperlich und mental.

Ein wichtiger Schritt zu Veränderung und Wachstum besteht darin, sich dieser Filter, die
  • unsere Erwartungen über die Zukunft, 
  • unsere Vorurteile gegenüber anderen Menschen und Situationen oder 
  • die Begrenzungen, die wir uns selbst auferlegt haben, 
verursachen, gewahr zu werden, um sie und damit dann auch die Wahrnehmung zu verändern und nachfolgend neues Bewusstsein und neue Handlungsmöglichkeiten erlangen zu können.

Der Weg der Achtsamkeit

Achtsamkeit ist die Fähigkeit, uns einen inneren Raum zu schaffen, in dem wir vollständig präsent sein können, um unsere Wahrnehmungen oder Emotionen für uns selbst zu erforschen. Dies wird möglich, indem wir in der Meditation uns auf unseren ruhigen Atem konzentrieren und damit den Vagusnerv und das parasympathische Nervensystem ansprechen, das für die physiologische Beruhigung zuständig ist. 
Achtsamkeit ist daher die ruhige Auseinandersetzung mit uns selbst und mit unseren erworbenen Filtern. Sie gibt uns die Chance, eine Emotion oder Wahrnehmung in Ruhe zu betrachten und die Filter zu untersuchen, bevor wir von ihnen erfasst werden und Spielball falscher Wahrnehmung werden. 
Achtsamkeit ist das Gegenteil davon, geblendet zu sein von dem, was wir zu haben oder zu sein glauben. Wir glauben nicht mehr zu wissen, wie die Dinge und die Mitmenschen sind, wer wir selber sind.
Wir sind präsent und bereit, offen und ohne Vorurteile zu sehen, zu hören und zu erleben, was tatsächlich ist und geschieht. Wir betrachten die Dinge tiefer. Ein solche Wahrnehmung verändert das, was wir erfahren, verändert, wie wir uns verhalten und wie die Dinge uns passieren.

Meditation ist eine im Ursprung spirituelle Praxis, mit der wir mehr Achtsamkeit in unser Leben bringen können, mit der wir besser auf die Suche nach der tieferen Wahrheit gehen können und uns und unsere Mitmenschen immer wieder neu kennen lernen können. Mittlerweile gibt es in der westlichen Welt vielfältige auch nicht-spirituelle Angebote für Achtsamkeitsmeditation.

Somatic Experiencing ist ein therapeutisches Konzept, um auf dem Weg der Achtsamkeit insbesondere im Bereich des körperlichen Erlebens, neue Erfahrungen zu machen und Filter verändern zu können, die traumatisches Erleben verursachen. Wichtig ist es, diesen Filtern mit Respekt zu begegnen, da sie entscheidend dazu beigetragen haben, das Überleben zu sichern. Mit großer Behutsamkeit können Veränderungen möglich werde, damit es nicht zu einer neuen Überwältigung kommt.

Als vor einiger Zeit in Thailand eine Gruppe Jugendlicher nach vielen Tagen aus einer dunklen Höhle gerettet werden konnten, wurden ihnen zunächst die Augen verbunden, um ihre Augen vor dem Licht zu schützen. Dann mussten sie mehrere Tage lang zunächst sehr dunkle Sonnenbrillen tragen, die Schritt für Schritt gegen weniger dunkle ausgetauscht wurden, bevor sie sich nach vielen Tagen dann wieder ohne Sonnenbrillen dem Tageslicht aussetzen konnten.

Achtsamkeitsmeditation ist manchmal erst möglich, wenn durch Somatic Experiencing dafür der Weg bereitet ist, wenn traumatisierte Menschen wieder ohne Angst vor Überwältigung und mit der verbesserten Möglichkeit zur Selbstregulation sich und ihr Erleben betrachten können.

Der Weg der neuronalen Stimulation

Manchmal kann es sinnvoll sein, direkt auf der neuronalen Ebene anzusetzen, um Veränderungen gezielter zu ermöglichen. Dies ist die forschungsbasierte Idee, die hinter dem von Dr. Stephen Porges entwickelten Save and Sound Protocol steckt. Dabei wird das nach Sicherheit suchende Nervensystem mit speziell aufbereiteter Vokalmusik so stimuliert, dass letztlich ein autonomes Gefühl der Sicherheit erfahren wird. Und dieses Gefühl kann den mentalen Filter, der alles als bedrohlich erscheinen lässt, verändern.

Dafür wird zunächst einmal mit dem Safe and Sound Protocol auf der physiologischen Ebene eine Veränderung herbeigeführt, indem die Muskeln im Innenohr so aktiviert werden, dass die ruhige und freundliche menschliche Stimme auf Dauer besser wahrgenommen werden kann.
Dadurch kommt es zu einem autonomen Gefühl der Sicherheit, das unabhängig vom Bewusstsein erlebt wird. Und durch dieses autonome Gefühl des Sich-sicher-Fühlens wird auf neuronaler Ebene über den weit verzweigten Vagusnerv das parasympathische Nervensystem aktiviert und werden gleichzeitig die Defensivsysteme (Angriff und Flucht) des sympathischen Nervensystems gehemmt. 
Mit dem Safe and Sound Protocol wird also eine neuronale Plattform für soziales Verhalten und die Koordination von Bewegung im Bereich des Kopfes und Halses mit Gefühlen und Gedanken geschaffen. Der Mensch kann sich für soziale Interaktion öffnen, Verbundenheit und Sicherheit erleben, kann sich erholen und regenerieren, gesunden, sich entwickeln, neue Erfahrungen machen und lernen.

Ich muss also nicht der bleiben, der meinem glücklichen Leben im Wege steht.


Links:

Norman Fischer, 5 Surfriding Slogans to Help You Handle Anger

Daniel Siegel, How to Gain Freedom from Your Thoughts:

SSP Summary from Dr. Stephen Porges:

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