Sicher und Gesund - Das Safe and Sound Protocol



Sicherheit, die wirklich auch empfunden wird, ist für Säugetiere und Menschen eine wichtige Voraussetzung für Überleben, Entwicklung und Gesundheit. Das Empfinden, nicht wirklich sicher zu sein, führt zu Unwohlsein, Angst und Rückzug.

Säugetiere haben im Rahmen der Evolution die Möglichkeit entwickelt, Sicherheit oder Bedrohung und Gefahr in ihrer Umgebung und im Kontakt mit ihren Artgenossen blitzschnell zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Diese Reaktionen erfordern weder Bewusstheit noch eine bewusste Entscheidung. Das ist für das Überleben auch absolut notwendig, da bewusste Entscheidungen einfach zu langsam sind. Und wer bei lauernder Gefahr langsam ist, ist schnell zu langsam.

Da wir von den Säugetieren abstammen, haben auch wir in unserm Nervensystem diese Fähigkeit, blitzschnell die Qualität einer Situation zu erfassen (Stephen Porges hat für diese Form des Erfassen den Begriff der „Neurozeption“ geprägt) und entsprechend mit Hilfe des sympathischen und parasympathischen Nervensystems körperlich zu reagieren, ohne dass auch wir dies auf der Ebene des Bewusstseins verhandeln müssen. Und das hat großen Einfluss auf die Qualität und Entwicklung unseres Lebens. 



Wenn unser Nervensystem eine Situation als sicher erlebt, dann stellt es unseren Körper, unsere Physiologie so ein, dass wir in entspannte, freundliche Interaktion mit anderen Menschen treten können: 

  • Unsere Sprechwerkzeuge werden so initialisiert, dass ein angenehm rhythmisch-melodisches Sprechen möglich ist,
  • die Aktivierung der Muskeln rund um die Augen ermöglichen uns eine freundliche und ausdrucksstarke Mimik,
  • die Muskeln im Mittelohr optimieren die Einstellung der Gehörknöchelchen für die Weiterleitung des Frequenzbereichs, der für das Hören der menschlichen Stimme mit seinen emotionalen Anteilen wichtig ist,
  • unser Herzschlag und unsere Atmung beruhigen sich und
  • die Verdauungsorgane können ihre Arbeit aufnehmen und unseren Körper mit den notwendigen Nährstoffen versorgen.
Dieser entspannte Zustand ist für alle Menschen äußerst gesund und förderlich, weil er uns für soziale Interaktion, auf die wir grundsätzlich angewiesen sind, bereit macht und öffnet: In diesem Zustand ist zum einen kindliche Entwicklung und Lernen gut möglich, andererseits können Erwachsene in diesem Zustand elterliche Fürsorge zeigen.

Erkennt unser Nervensystem das Fehlen von Sicherheit oder Gefahr und Bedrohung, dann aktiviert es in unserem Körper die Defensivsysteme Kampf oder Flucht:
  • Der Herzschlag und die Atemfrequenz erhöhen sich, um die Muskeln mit zusätzlichem Sauerstoff versorgen zu können,
  • die Verdauungsorgane werden stillgelegt, weil die Energie dringender in den Muskeln benötigt wird,
  • das Ohr wird auf das Hören tiefer Gefahren-und hoher Alarm-Frequenzen ausgerichtet,
  • der Blick wird starr und
  • die Sprechwerkzeuge werden für Brüllen oder Kreischen vorbereitet.
Das ist ein Zustand erhöhten Stresses, der auf die Dauer nicht nur mental, sondern auch körperlich krank macht. Er verhindert Entwicklung und die Entfaltung unserer guten Potentiale.
Wenn in dieser „Vollgas“-Situation noch das Gefühl der Hilflosigkeit dazukommt, zieht das Nervensystem die Notbremse und stürzt in einen defensiven Zustand der Verhaltensstarre oder der Dissoziation.
Befinden wir uns zu oft, zu andauernd oder gar aufgrund traumatischer Erfahrungen grundsätzlich in diesen Defensivzuständen, hat das gravierende negative Auswirkungen auf unsere Entwicklungsmöglichkeiten und Gesundheit, weil wir soziale Lebewesen und für das gesunde Überleben auf soziale Interaktion angewiesen sind.

Diese grundlegenden Erkenntnisse sind Teil der von Dr. Stephen Porges, dem renommierten US-amerikanischen Professor für Psychiatrie, in den vergangenen Jahrzehnten entwickelten Polyvagal-Theorie.

Stephen Porges hat in seinen Forschungen gezeigt, dass der Vagusnerv, der als wichtiger Bestandteil des parasympathischen Nervensystems für die Beruhigung unserer Physiologie zuständig ist, die inneren Organe wie Herz, Lunge und Verdauungsorgane und die Muskeln des Kopfbereichs (Kehlkopf, Rachen, Gesicht, Ohr und Nacken) in Wechselwirkung reguliert: Wird ein Bereich aktiviert, so wirkt sich das auch auf die anderen Bereich aus.

Auf der Grundlage dieser Erkenntnis hat Porges in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein therapeutisches Verfahren entwickelt, das Safe and Sound Protocol, das über das Ohr nicht nur im Moment der Anwendung das autonome Nervensystem beruhigt, sondern eine tiefergehende Veränderung im Nervensystem herbeiführt. Auf der Basis unbewusst erlebbarer Sicherheit und durch die gezielte Stimulation der winzigen Muskeln im Mittelohr entsteht eine neuronale Plattform, die für weitere Veränderungen im Bereich der soziale Interaktion und Entwicklung, des Lernens und der Gesundheit dienen können.

Was ist das Safe and Sound Protocol?

Das „Safe and Sound Protocol“, ein Verfahren für Sicherheit und Gesundheit, ist eine therapeutische Intervention für Kinder und Erwachsene, die darauf abzielt, Stress und Hörsensibilität zu reduzieren und gleichzeitig die soziale Interaktion und die Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit zu verbessern. Es wurde von dem US-Amerikaner Dr. Stephen Porges, dem Entwickler der Polyvagal-Theorie, auf der Grundlage jahrzehntelanger Forschung konzipiert und in zahlreichen wissenschaftlichen Studien auf seine Wirksamkeit hin untersucht.

Das „Safe and Sound Protocol“ ist im Kern ein fünftägiges therapeutisches Trainingsprogramm (jeweils 60 Minuten an fünf aufeinander folgenden Tagen), das über Kopfhörer dargebotene prosodische Vokalmusik verwendet, die speziell gefiltert wurde, um die Mittelohrmuskeln zu trainieren. Diese kleinen Muskeln können die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss, Steigbügel) autonom, also ohne unser bewusstes Zutun so ausrichten, dass gezielt insbesondere die Frequenzbereiche weitergeleitet werden, die für das Hören der menschlichen Sprache notwendig sind. Dies geschieht, indem Trommelfellspannmuskel und Steigbügelmuskeln durch Kontraktion dafür sorgen, dass laute Geräusche und Frequenzen störender Geräusche gedämpft werden, bevor sie aus dem Mittelohr ans Innenohr und weiter über den Hörnerv direkt ans Gehirn geleitet werden. 



Dieses autonome Funktionieren der Muskeln kann blockiert sein, wenn das Nervensystem anhaltend Bedrohung oder Gefahr erlebt.

Sobald die melodische, angenehme menschliche Sprache wieder richtig wahrgenommen wird, ist die Tür für eine gelingende soziale Interaktion geöffnet. Wir können feststellen, dass Menschen im Anschluss an das Training besser in der Lage sind, nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Absicht in Gesprächen zu interpretieren. Das Sicherheitsgefühl, das durch ein besseres Verstehen der Sprache entsteht, beruhigt den physiologischen Zustand (Herzschlag, Atmung und Bauchgefühl) und gleichzeitig wird die eigene Sprache verständlicher und emotional ausdrucksstärker, der Gesichtsausdruck wird lebendiger, die soziale Interaktion für beide Seiten befriedigender.

Das SSP trägt in der Therapie dazu bei, den physiologischen Zustand des Klienten über den auditiven Kanal zu verändern. Sobald der physiologische Zustand ruhiger ist und soziale Interaktion besser gelingt, kann nachfolgend auf dieser neu geschaffenen neuronalen Plattform aufbauend aktiv an einer Verbesserung der Selbstregulation, der Verhaltensregulation und des Lernens gearbeitet werden. Dies alles führt zu einem größeren Wohlbefinden, einer besseren Gesundheit und mehr Erfolg im Leben.

Bei welchen Schwierigkeiten und Symptomen kann das Safe and Sound Protocol (SSP) angewendet werden?

Das Safe and Sound Protocol ist eine forschungsbasierte Therapie, die bei einigen häufig auftretenden emotionalen, sozialen und psychischen Symptomen von Kindern und Erwachsenen nachweislich zu einer deutliche Verbesserungen führt.

Die Anwendung kann sinnvoll sein, wenn sich zum Beispiel Schwierigkeiten zeigen,
  • zur Ruhe zu kommen und zu entspannen,
  • sich zu konzentrieren oder still zu sitzen
  • in einen befriedigenden emotionalen Kontakt zu treten (schlechter Augenkontakt und abgestumpfter Gesichtsausdruck),
  • verbale Aufforderungen zu verstehen und ihnen zu folgen,
  • das eigene Verhalten zu regulieren (z. B. Überaufmerksamkeit, Ängstlichkeit, Ablenkbarkeit, Impulsivität, emotionale Ausbrüche, soziale Verhaltensauffälligkeiten, emotionale Abgestumpftheit)
oder auch bei 
  • Sprachentwicklungsstörungen und einem Mangel an Prosodie sowie
  • Geräuschempfindlichkeiten, auditiver Überempfindlichkeit und Problemen mit der auditiven Wahrnehmung und Verarbeitung.

Diese Symptome treten in verschiedenen Kombinationen unter anderem bei folgenden Diagnosen auf:
  • Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ADHS)
  • Störung des Sozialverhaltens
  • Auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung (AVWS)
  • Entwicklungstrauma
  • Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

Das Safe and Sound Protocol kann bei diesen Symptomen und Diagnosen in nur fünf Tagen über die autonome Aktivierung der Muskeln im Mittelohr die neuronale Plattform für eine Verbesserung der Selbstregulation, der Verhaltensregulation, der sozialen Interaktion und des Lernens schaffen. Durch die Intervention wird der therapeutische bzw. der Entwicklungsprozess beschleunigt, indem sie den emotionalen und physiologischen Zustand des Klienten für neue Erfahrungen vorbereitet. 

Das Safe and Sound Protocol ist also kein Wundermittel, sondern eine Intervention, die neuronale Veränderungen bewirkt, die verändertes soziales, emotionales und sprachliches Verhalten ermöglicht. Damit sich dieses Verhalten und die zugrundeliegenden neuronalen Veränderungen stabilisieren können, ist im Anschluss ein unterstützender Kontext für das Kind, den Jugendlichen und den Erwachsenen notwendig: Der Mensch mit seiner neu aktivierten Bereitschaft und seinem Interesse an sozialer Interaktion muss lebendig aufgefangen werden. Es ist gut, wenn dann jemand da ist, der zuhört, der die vielleicht bisher verdeckten Emotionen auffangen und koregulieren kann, der die Suche nach Sicherheit erfolgreich werden lässt. Ist dies nicht der Fall, wird sich das neuronal neu geöffnete Fenster sehr schnell wieder schließen. 

Daher sollte das Safe and Sound Protocol nur nach einer eingehenden Beratung durchgeführt werden. Auch sollte im Anschluss die Möglichkeit zur Begleitung oder therapeutischen Unterstützung gegeben sein, damit die angestoßenen Veränderung sich festigen können und eine neue Lebensqualität sich etablieren kann.


Quellen:
  • Stephen Porges:
    Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit, 2017.
  • Integrated Listening Systems (www.integratedlistening.com)
  • Dirk Beckedorf, Franz Müller:
    Enrico Caruso, Alfred Tomatis und die moderne Neurobiologie - prosoziales Hören, ruhiger Herzschlag und gelingende Kommunikation (https://www.karger.com/Article/PDF/362487)

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